Archiv für Juli 2010

Wieder mal geschämt

„Ihr griecht nix von uns“. Als hätte die mediale Schürung von Hass aufgrund nationaler Zugehörigkeit am Beispiel Griechenlands und seiner Finanzkrise, als in Politik und der Presse teils entwürdigende, hauptsächlich aber bereits in ihrem Inhalt falsche Darstellungen dem alles fressenden Volk vorgesetzt wurden, noch nicht ausgereicht. Seit dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft greift erneut das Gespenst des Nationalismus, Patriotismus oder wie man es auch immer nennen mag, mit all seinen negativen Begleiterscheinungen um sich. Wurde sich vor wenigen Monaten noch auf „die Griechen“ eingeschossen, die ja weit über ihrem Lebensstandard lebten und die ja eh nur aus den Händen des armen deutschen Steuerzahlers fressen, so sind jetzt halt, „die Afrikaner“, „die Argentinier“ oder sonstwer dran. Mal ganz davon abgesehen, dass Griechenland, das was Deutschland ihm leiht (!, nicht schenkt) mit 5% Zinsen zurückzahlen muss und dass vor allem andere, im weltweiten Kapitalismus zu suchende, Gründe, nicht der faule Grieche an sich oder seine so rücksichtslosen Rentenforderungen, Schuld an dem Finanzdebakel dieses Staates sind, transportierten „die Medien“ (eine Verallgemeinerung wäre zwar unfair, trifft aber genau den Punkt) den Hass auf andere gleich weiter. Zur WM. Rosige Aussichten für Deutschland, nicht nur im WM-Halbfinale. Besonders dann, wenn man Parallelen zu früheren Zeiten suchen will bzw. diese einem unweigerlich auffallen. Nungut, um einen Nazivergleich werde ich mich nicht bemühen, aber es fällt schon schwer in diesen Tagen durch die Straßen zu gehen, ohne zumindest einen mittleren Wutanfall zu bekommen. Denn was einem da so bei einer Weltmeisterschaft begegnen kann, sprengt den Rahmen des Erträglichen.
Fast aussichtslos erscheint der banale Fingerzeig, den ich als Fußballfan, der zu jedem Spiel seines Vereins fährt und sein ganzes Leben rund um diesen Sport und seine Fan-Subkultur aufbaut, jedem zweiten Bürger dieses Landes zuwerfen muss. Ob es sich um den Sport an sich dreht, wenn Fanmeilen vor Suffvolk überlaufen, kreischende Mitmenschen durch die Straßen rennen und einer Mannschaft zujubeln, von der sie nicht mal wissen, in welchem Verein deren Spieler abseits dieses Turniers spielen? Ob es sich um den Sport und die Fußballliebe dreht, wenn eine aus der Eventisierung und Kommerzialisierung eines Sports heraus geschaffene Partykultur anfängt, sich freuen zu dürfen? Ist diese Freude eine aus ihrem Selbstverständnis heraus begründete Freude, an der etwas hängt, was man selbst miterlebt hat, in das man Arbeit und Leidenschaft gesteckt hat? Oder ist es eher eine spontane Freude der Berieselung im Zuge einer „Loveparade für die Massen“? Ich behaupte, dass ein Gros derjenigen, die jetzt draußen auf den Straßen „ihre“ Nationalmannschaft feiern, unechte, vor- und aufgesetzte Freude praktizieren. Wirf dem Deppen was hin, er nimmt es. Freude haben, weil die Menschen etwas suchen, etwas wie Zusammenhalt, das sich auch in Phrasen wie „endlich gibt es wieder ein Gefühl der Gemeinschaft“ widerspiegelt. Auch wenn ich an dieser Stelle vielleicht zu voreingenommen über die Gefühlslage anderer spreche und in ihr eine Aufgesetztheit als Spiegelbild einer Gesellschaft sehe, das Fehlen eines Bezugs zum Sport kann ich den meisten dort draußen in jedem Fall unterstellen. Doch daran scheiterten wir (ich spreche hier explizit auch für meine Subkultur ultrà) bereits vor zwei, vier, sechs, acht Jahren. Sehen zu müssen, wie ein Sport entfremdet und eventisiert wird, nichts neues im Staate Deutschland, vielmehr Konfrontationspunkte im Alltag der Ultrakultur.
Was aber immer neuer wird, ist der aufkommende Deutschlandpatriotismus. Und er ist etwas, das mich zum Kotzen bringt und mir zugleich wieder soo eindringlich vor Augen hält, wie es um diese Gesellschaft bestellt ist. Ich behaupte, die deutsche Gesellschaft hat nach 1945 alte Denkmuster nicht zur Gänze abgelegt. Ein Teil schwimmt immer noch mit. Doch wer vor 10-15 Jahren aus reinem Fußballinteresse der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drückte, war zum Schulverlierer, deutschen Deppen und Irrgläubigen verdammt. Wer es jetzt nicht tut, muss um sein Leben fürchten? Jedenfalls sorge ich mich um meine Gesundheit, wenn ich durch Sankt Pauli laufe, an jedem Eck dieses schönen Viertels gesichtsbemalte Junggesellen mit entsprechendem Alkoholpegel stehen und ich lauthals sage „Was habt ihr eigentlich hier verloren? Verpisst euch, das ist Sankt Pauli, scheiss Juppies“. Das Outcoming des Antideutschtums ist schwer. Wer sich nicht mitfreut, gilt als gesellschaftlicher Außenseiter. Gerne bin ich ein solcher!
Was aber nun das wirklich Schlimme an diesem Patriotismus ist, ist seine propagandistische Entfaltung, die voller Gefahren steckt. Wenn ich aus Schweinsteigers (oder sollte ich besser pc sagen: Schweini) Mund höre, dass er „ja nix gegen Argentinien an sich“ habe (sorry, der genaue Wortlaut ist mir entfallen), „aber die“ so und so wären oder zum hundertsten mal Pauschalisierungen und Zuschreibungen der Art „die Brasilianer sind weichlich, aber technisch gut, der deutsche Kampfgeist zahlt sich wieder mal aus“ höre, dann wird mir wieder klar, wie leicht man Eigenschaften, persönliche Fähigkeiten und Attribute Menschen aufgrund ihrer Herkunft zuschreiben kann. Zumal dies ja stets ungeachtet ihrer Persönlichkeit geschieht, die sich ja nur zum Teil aus ihrer Herkunft definiert. Eine Theorie des Fremden sagt, dass diese Zuschreibungen dann meist negativ bewertet werden. „Das eigene ich, meine Identität, die meiner Nation. Und alles, was anders ist, ist zwar vielleicht gar nicht mal so schlecht, aber ich kenne es nicht und eigentlich ist es ja bestimmt nicht so gut wie meins“.
Gefahren, wie die Schürung von Hass und Aufkommen von Gewalt aufgrund von Fremdenhass, und der fortwährenden Kategorisierung von Menschen, werden entweder verharmlost (wenn man z.B. sagt „freu dich doch auch mal mit uns“) oder komplett verklärt (was jüngst das Beispiel des Mannes zeigt, der in Hannover zwei Menschen erschießt. In der Presse wird das Motiv Fremdenfeindlichkeit überhaupt nicht aufgegriffen, wenngleich ich nicht ausschließen will, dass der Streit anders geendet hätte, wären die beiden erschossenen Deutsche gewesen). Und da sollen mir persönlich keine Gedanken an frühere Dunkelzeiten kommen? Oder zumindest der Gedanke an nen guten Suff zum Wegschauen?
Das Bewusstsein, wie Medien von den Herrschenden eingesetzt werden, zu welchem Zweck, mit welcher Intention, wird kaum mehr als solches wahrgenommen, nicht hinterfragt. Und wenn ich eine Masse an Leuten dazu bewegen kann, im kollektiven Rausch Feindbilder zu kreieren, dann habe ich es mit einem Machtinstrument zu tun, das höchst gefährlich ist.
Wenn eine Fußball-Weltmeisterschaft dazu instrumentalisiert wird, durch die Schaffung eines künstlichen Gefühls der Zusammengehörigkeit einerseits von real existierenden Problemen abzulenken, andererseits (durch Kommerzialisierung) noch davon zu profitieren, läuft etwas gewaltig schief.
Früher habe ich mich gefreut, wenn die WM lief. Heute schaue ich mir natürlich auch einige Spiele an. Aber der negative Beigeschmack ist mittlerweile so stark geworden, dass ich mich nur noch auf ihr Ende freue.
Wer im Sommer übrigens vor hat, die Südkurve des Millerntors mit Deutschlandhut oder Fahne zu betreten, dem sei versichert, dass er dies danach nicht mehr tun wird. Zumindest hoffe ich das, denn sonst wäre das Bild, das ich von dieser kleinen Insel an gesichert denkenden Menschen in dieser Stadt noch habe, verloren.

Derby in Rosario

Im November 2009 treffen in Rosario, Argentinien, die beiden Rivalen Newell`s Old Boys und Rosario Central aufeinander. Pasion Latina war vor Ort und konnte mit einem top Video aufwarten. Immer noch eines meiner Lieblingsvideos und ein weiterer Ansporn, die für 2011 geplante Südamerika-Tour durchzuziehen. Die dortige Barra heißt „La hinchada mas popular“ bzw. „La Hinchada que nunca abandona“, die Hinchada (in etwa Fanszene), die niemals aufgibt. Newell`s ist ein 1903 gegründeter Verein, der fünf mal die Meisterschaft holen konnte. Seine Fans werden auch los leprosos genannt, die Leprakranken. Dieser Name ist auf ein in Rosario beheimatetes Krankenhaus zurückzuführen, für das man früher wohltätige Veranstaltungen organisierte. Rosario gilt neben Buenos Aires zu den Städten, in denen die Liebe zum Fußball am fanatischsten gelebt wird. Das Video vermittelt diesen Eindruck und zeigt pure Hingabe und Leidenschaft. Ein Besuch in Rosario steht definitiv bald an, denn Insider sprechen aufgrund der sich ständig ändernden Gesetzeslage bzgl. dem Umgang mit Fans, einer zunehmenden Kommerzialisierung (Erhöhung der Ticketpreise, u.a. bei Boca zu beobachten, wo verhältnismäßig viele Touristen einen Stadionbesuch als Attraktion einplanen) und einer größer werdenden Repression seitens des argentinischen Staates, von einer Fankultur, die mehr und mehr eingeschränkt wird. Man darf allerdings auch nicht blauäugig an das Thema herangehen. Die Verstrickungen der Fanszenen in die organisierte Kriminalität, die Eskalation der Gewaltspirale und eine anhaltende Korruption innerhalb des Verbands, sind teils hausgemachte Probleme. Barras sind Objekte einer Interessenpolitik mächtiger Politiker oder Funktionäre und sie spielen dieses Spiel teils mit und verfolgen ähnlich gelagerte Interessen. Ohne darauf nun näher einzugehen oder eine positive oder negative Wertung vornehmen zu wollen, muss man festhalten, dass man die argentinische Fanszene nie ohne den Zusammenhang politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Strukturen betrachten darf. Das macht Argentinien in seiner Weise als Land enthusiastischer Fußballverrückter einzigartig und eine Tour dorthin unbedingt lohnenswert. Vielleicht kann ich bald aus eigener Erfahrung berichten.

Der Zauber einer vergangenen Zeit

Der Zauber einer vergangenen Zeit
oder: wie man ein Stück Identität verliert

Läuft man die ungeteerten, engen und mit Schlaglöchern übersähten Straßen Nea Filadelfias in der brodelnden Hitze des griechischen Sommers auf und ab, so fällt sie einem kaum auf, die kleine, ungemähte und vor Dürre zersetzte Grasfläche im Athener Stadtviertel. Sie scheint ein Produkt eines von Finanzkrisen und Korruption gebeutelten Landes zu sein. Eine unbebaute Freifläche, wie auch diejenigen, die einen Sommer davor in Exarchia, dem anarchistischen Stadtteil Athens, entstanden, als die Behörden den Abrissbefehl für eine örtliche Parkanlage gaben. Trostlos, nutzlos, zum eventuellen Neubebau am Tag X freigegeben. Doch irgendwas ist anders an diesem Stück Rasen.
Geht man vorbei an der orthodoxen Kirche auf die andere Straßenseite und übersteigt den maroden Zaun, wagt sich ein paar Meter zum zentralen Punkt dieses Stücks Land, so kommt man nicht nur der Mystik dieses Ortes näher, man erfährt auch ein Stück Fußballgeschichte am eigenen Leib. Inmitten dieses Rasens tut sich eine Malerei am Boden auf. Sie befindet sich auf einer Betonplatte, die nicht zur umliegenden Einheitsfarbe passt. Sie wird geziert von dem Logo von Enosis. Ein gelbes Wappen, auf welchem der schwarze, zweiköpfige Adler empor ragt. Darüber der Schriftzug AEK, darunter 1924, das Jahr der Gründung. Der Adler blickt in zwei Richtungen, zeigt mit dem Schwert auf die Türkei, auf der anderen Seite ist sein Sichtfeld symbolisch gen Griechenland gerichtet. Man erkennt schnell, dass es sich bei AEK, das K im Namen steht für Konstantinopel, um einen Verein der aus der Türkei vertriebenen Griechen handelt.

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AEK ist ein großer Verein. Nicht an den Erfolgen gemessen, denn die waren im 86 jährigen Vereinsbestehen nicht so alltäglich wie die ihrer Stadtrivalen Olympiakos oder Panathinaikos, das unlängst die letzte Meisterschaft für sich entschied. Aber AEK hat Fans, die für es sterben würden. Hingabe, Mentalität, Leidenschaft, Zusammenhalt. Die Zeichen der Größe dieses Klubs, dessen Gros der Fanszene sich als antifaschistisch sieht. Im Gegensatz zu anderen griechischen Kurven. Die Gavri, kleine Fische, die man an nahezu jedem Eck der hellenischen Hauptstadt kaufen kann und deren Name gleichzeitig von AEK Fans für die des Kontrahenten Olympiakos benutzt wird, verachtet man nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Politik dort nicht ins Stadion getragen wird. Die Vasili (die Herkunft dieses Namens ist interessant: weil Haargel früher ein teures Gut war, nahmen viele Jugendliche stattdessen Vaseline), so werden die Fans von Pao spöttisch genannt, sind und waren in der Vergangenheit immer zwiegespalten. Auch ihnen gilt die höchste Verachtung. In Athen herrscht eine andere Realität. Beim Fußball, wie auch im Alltag.
Zurück zur einsamen Wiese. Auf dem Logo steht zentral ein kleiner Modellbau. Er ist ein Replika von dem, was hier vorher einmal real stand und was wie die sonnabendliche Unruhe in Filadelfias Straßen mit ihren kleinen Kiosken, den am Straßenrand sitzenden Rentnern, die Karten spielend und wild gestikulierend ihrem Lebensabend entgegen schauen und ihren Wäscheleinen spannenden Frauen, Teil des Lebens der Menschen hier war. Es ist ein Nachbau des alten Stadions von AEK. Dem Stadion, das vor nicht langer Zeit auf der Grünfläche in Nea Filadelfia stand. Dem Nikos Goumas Stadion und eben seiner Kurve, der Skepasti.

aek_skepasti

Mein Freund wohnt eine Seitenstraße entfernt von diesem altehrwürdigen Stadion, das vor wenigen Jahren den Abrissplänen der Regierung zum Opfer fiel. Während der Lokalrivale aus Piräus ein nagelneues Stadion gebaut bekam, wurde AEK abgeschoben. „Früher ging ich über die Straße und war im Stadion, konnte als kleiner Junge von zuhause aus beobachten, wie es Straßenschlachten gegen Pao gab“, erzählt er mir während seines Aufenthalts beim Antira-Turnier. „Wenn du wieder kommst, pennst du bei mir zuhause“. Heute muss er wie alle anderen Fanatiker, die Aekara die Treue halten, den langen Weg mit der Metro ins abgelegene, irgendwie seelenlose, im Volksmund OAKA genannte, Athener Olympiastadion, fahren. Dort steht Original 21, die berühmte Fangruppe, ehemals Gate 21 wegen dem Standort am Tor 21 des Skepasti, nach internen Problemen aber in Original 21 umbenannt, in der gleichen Kurve wie die verhassten Fans des Gate 13 von Pao, die ebenfalls ihre Heimat im Zentrum Athens verlassen mussten.
„Vor dem Skepasti rühren wir einen Eintopf aus den Gehirnen der Olympiakos Fans“, so beginnt ein bekanntes Lied, das die Kurve ihren Spielern besonders beim Derby zur Motivation entgegen singt. Im Skepasti wurden Geschichten geschrieben und jeder Fan trauert mit Wehmut den Zeiten dort hinterher. 20.000 Zuschauer auf engstem Raum, die Leute kletterten oftmals in Massen über die Absperrungen am Eingangsbereich, hingen singend und mit ihren Shirts schwingend in den Zäunen, zündeten Rauchfakeln und Bengalos. Im Skepasti wurde gegen Gegner wie Inter Mailand im Europapokal 2001 oder Real Madrid gespielt. Dort wurde der spätere Präsident Nikolaidis mit seinem Original 21 Tattoo am Oberarm Torschützenkönig im UEFA-Cup, dort konnte über Jahre hinweg kein Rivale auswärts fahren, ohne nicht mit seinem Leben zu spielen.
Das Stadion an sich beschränkt sich auf das nötigste und strahlt zugleich einen unvergleichlichen Charme aus. Es muss wohl die Hintertortribüne gewesen sein, das zweirangige Prunkstück des Stadions, das diese einmalige Atmosphäre erst schaffen konnte.
Ich war nie live in diesem Stadion, habe lediglich das Olympiastadion erleben dürfen. Die wohl spektakulärste Erfahrung in meinem Leben, was den Zusammenhalt einer Kurve angeht, es war ja auch das Pokalfinalderby gegen Olympiakos und auf der anderen Seite stand eine rote Wand aus 25.000 Piräusfanatikern. Doch die Erzählungen relativieren diese Erfahrung. Sie lassen einen daran schnuppern, wie es früher einmal war.

Millerntor früher

Stehe ich heute in der Südkurve am Millerntor, sehe ich ein Stadion in der Entwicklung zu etwas Besonderem. Keine moderne Arena der ersten oder zweiten Liga wird auch nur annähernd an dieses „neue Millerntor“ rankommen, deutet doch bereits die Fassade seine ganz besondere Eigentümlichkeit an. Doch auch hier scheint der Zauber einer vergangenen Zeit bereits verloren gegangen zu sein. Bald wird der Abriss der Gegengerade meinem Stadion, wo ich den FC Sankt Pauli das erste Mal spielen sah, sein letztes Fünkchen Seele nehmen. Mir tun die Leid, die nie bei Regen auf den matschigen Terrassen einer Nordkurve oder unserer früheren „Singing Area“ stehen durften. Auch wenn der Neubau des Millerntors unserer Fanszene ganz neue Chancen eröffnet hat und nicht mit den Neubauten anderer Vereine gleichzusetzen ist, so reiht er sich dennoch nahtlos in diese ferne und doch so nahe Tatsache namens Kommerzialisierung ein. Business Seats, VIP-Loungen, Separees, all das ist es, was für mich kein Stadion ausmacht. Für mich weiterhin rätselhaft, warum sich nie etwas wie Widerstand aus der Fanszene gegen bestimmte Pläne dieses Konzepts aufgetan hat. Das Millerntor wird bald sein altes Gesicht endgültig verloren haben. Dass die Gestaltung dieses neuen Rahmens durchaus in unseren Händen liegen mag, verdeutlicht zwar den Unterschied zu anderen Vereinen, bei denen mit dem Neubau ihres Stadions jegliche Selbstgestaltung völlig aufgehoben war, aber allein die Existenz dieses Rahmens schneidet uns einen gehörigen Teil unserer Identität, als Verein wie Fanszene, ab. Den Zauber der vergangenen Zeit werden wir weitertragen und was auf der Gegengerade begann, endet damit noch lange nicht. Doch trotzdem leidet meine Seele. Und ich wünsche meinen Freunden in Athen, dass sie nicht mehr allzu lange in Athens Norden fahren müssen, sondern bald wieder „ihr neues“ Stadion in Nea Filadelfia haben werden.