Harte Fäuste, weichste Intentionen

Mit Erstaunen und größter Freude habe ich die Nachricht aufgenommen, dass am letzten Wochenende politisch motivierte Nazis der NPD, die im Rostocker Ostseestadion Werbung für ihre Sache machen wollten und deren Besuch auf der Südtribüne nur sehr kurz verlief, von einem Teil der heimischen Anhänger vertrieben und angegangen wurden. Dass die Initialzündung dabei von den Suptras Rostock kam, fand ich in erster Linie konsequent und von Größe.
Als ich am Folgetag allerdings deren Erklärung zu den Vorfällen las (www.suptras.de), bestätigte sich mein Bild einmal mehr und die vielen Widersprüche, die diese Gruppe mit sich führt, kamen wieder mal offen zu Trage.
In der Erklärung kommt der Standpunkt auf, dass jede Politik, „erst recht von extremistischer Art“, in ihrem Stadion nichts zu suchen habe. Dieser Forderung schließt sich die Androhung von Konsequenzen für Zuwiderhandelnde an. Zwar dürfe jeder Stadionbesucher „denken und meinen, was er will“, aber jeglicher Versuch der Instrumentalisierung des Vereins und seiner Fanszene, sei zum Scheitern verurteilt. In der Einleitung kommt zudem die Behauptung auf, in vielen anderen Fanszenen des Landes werde mit Politik falsch umgegangen. Nicht zuletzt sei der Angriff aber auch auf eine „kürzlich begangene Dummheit“ der Faschos zurückzuführen.

Sehr leicht ist es, nach einem solchen Statement die Schwächen und Widersprüche aufzudecken und eher der Rostocker Fanszene bzw. den Suptras selbst einen falschen Umgang mit dem Thema Politik vorzuwerfen.

Zunächst basiert die ganze Erklärung auf einem völlig falschen Verständnis von Konsequenz und kratzt das Problem nur sehr oberflächlich an. Derjenige, der seine politische Meinung offen zeigt, hat Probleme zu befürchten, jeder andere, der schweigt, kann tun und lassen was er will. Eine schlechte Grundlage, die mit Sicherheit die Wurzel des Problems nicht angreift oder gar berücksichtigt. Parteipolitik nein, mundtote Faschos ja? Begrüßenswert wäre es gewesen, der konsequenten Nonverbalität dieses Vorfalls ein klares Statement folgen zu lassen. Und zwar eines gegen Rechts.
Damit einher geht das zweite Problem, das eigentlich einer tiefgehenden Erklärung bedarf, ich versuche es kurz und verständlich darzustellen. In dieser ganzen Art wird von einem völlig falschen Begriff des Unpolitischen ausgegangen. Unpolitisch ist eben nicht die Bekämpfung beider Extreme an der Oberfläche. Wollten die Suptras unpolitisch sein, müssten sie konsequent all diejenigen bannen und bekämpfen, die bereits in ihren Handlungen politisch agieren. Betrachtet man alleine die Spruchbänder oder achtet mal auf die Gesänge, sind gerade viele Aussagen geprägt von einem politisch diskriminierenden Unterton. „Rasiert euch die Beine, ihr Metro-Punk-Schweine“ oder der bekannte „feminine Muschipups“ sind halt einfach leider nicht unpolitisch, genauso wenig „die schwulen Hamburger“. Glaubwürdig wäre es z.B. gewesen, wenn die Suptras mal gegen diejenigen vorgingen, die ihre Fußballrivalen mit Hitlergrüßen empfangen. Aber soweit denkt man wohl in Rostock noch nicht…
Das größte Problem offenbart sich allerdings mit dem Satz, dass mit politischen Extremen „links- und rechtsaußen gemeint“ seien. Damit stellen sie linke Politik auf die Stufe rechter. So einfach ist es aber nicht. Rechte Politik beruht auf einem Menschenbild der Ungleichheit, linke auf einem Bild der Gleichheit. Und dies ist auch in politischen Programmen jedweder Art spürbar. Die politische Rechte unterscheidet zwischen Menschen aufgrund ihrer Natur. Rassismus, Homophobie oder Sexismus sind Erscheinungen politisch rechter Prägung, die Menschen nach Merkmalen ihrer Geburt klassifizieren und dazu noch bewerten. In politisch rechten Programmen wird zudem immer eine Struktur erscheinen, die Ungleichheit fördert. Eine kontrollierende und überwachende Institution, eine Herrschafts- und Ideologieelite und ein System der Ausbeutung mit persönlicher Unfreiheit sowohl des Geistes, als auch der Handlungen und Rechte.
Dagegen besitzen linke Denkweisen von Grund auf Elemente, die dem entgegenstehen. Sie betonen Gleichheit, Freiheit und haben anti-hierarchische Ausrichtung, in der Macht, Unterdrückung und Herrschaft keine Rolle spielen.
Es geht in dieser ganzen Politikfrage, die insbesondere die Subkultur Ultrà beschäftigt, nicht um Gutmenschentum, Kleinkariertheit, Bevormundung oder Theoriegeschwafel. Aber ultrà und insbesondere Gruppen, die sich als unpolitisch und rechts sehen, werden nie zu größeren Zielen gelangen, wenn sie sich nicht als das sehen, was sie sein sollten und woraus sie entstanden sind. Eine Protestbewegung gegen das System, seine Herrschaftseliten und das Bürgertum.
Und dieser Protest kann per se nicht von Rechts kommen!

Daher ist die Erklärung der Suptras zu den Vorfällen in doppelter Weise zu kritisieren. Sie setzt zwei unterschiedliche Dinge auf eine Stufe und behandelt zudem das Problem nur oberflächlich.

An diese argumentative Kritik möchte ich noch eine rein spekulative anschließen. Ein Angriff auf einen ihrer Mitstreiter bleibe nicht ohne Folgen, so steht es in der Erklärung. Also alles eigentlich eher eine Privatsache und der Versuch, sein Image ein wenig aufpolieren zu wollen und dem Unpolitischen weitere Nahrung zu geben?

Bevor man linken Gruppen Naivität oder einen falschen Umgang mit Politik vorwirft, sollte man sich erst mal gründlich selbst reflektieren. Zumindest sehe ich in übertriebener Auffassung von Gewalt bzw. deren zielloser Anwendung und in den Strukturen dieser Gruppe, in denen sich junge Leute durch Aktionen, die fernab von Kreativität und einem souveränen Selbstanspruch liegen, beweisen müssen, keine ernsthafte Basis für größere Ziele.

Ein Beispiel, wie man auch in so einer Szene einen konsequenten Weg gehen kann, zeigt sich bei der neuen Rostocker Gruppe, den Unique Rebels (http://uniquerebels.blogsport.de), die aus ehemaligen Suptrasmitgliedern hervorgegangen sind. Leider versuchen auch hier die Suptras die Leute dieser Gruppe zu diffamieren. Dies war eindeutig bei der Veröffentlichung des „Hinter dem Zaun “- Fanzines, welches zwar kein Erzeugnis der Unique Rebels ist, aber im erweiterten Spektrum dieser Personengruppe zugeordnet werden kann, spürbar, als die Suptras in ihrem Heft „GreifZu“ vom Kauf abrieten und den Hinweis anfügten, es handele sich hierbei um kein Heft der aktiven Rostocker Szene.


3 Antworten auf „Harte Fäuste, weichste Intentionen“


  1. 1 Informer 11. August 2010 um 11:29 Uhr

    Zum Thema Unique Rebels und Suptras Rostock wurde u.a. auf den Blogs http://ericcantona.blogsport.de und http://fruttidimare.blogsport.de schon einiges geschrieben.

    Nicht zu missachten ist auch, dass die Suptras, so lässt es sich unterschiedlichen Foren entnehmen, inzwischen mit Gewalt drohen, wenn sie die Unique Rebels nicht mit Bannern, Fahnen und inzwischen wohl auch ihrem Heft HdZ fern halten. Eine sehr beängstigende Entwicklung. Eine Reaktion anderer Szenen wäre sicherlich ein gutes Zeichen.

  2. 2 Informer 11. August 2010 um 11:34 Uhr

    Im übrigen würde ich die Zuordnungen links-rechts lassen. Zum einen taugt das heute höchstens noch zur Defamierung und zweitens ist bei den ganzen unterschiedlichen Ausprägungen der jeweiligen darunter gefassten Strömungen doch garnicht mehr klar, welchen Inhalt die tragen. So stehen sich einerseits beispielsweise Stalinisten und Anarchisten, genauso wie Nationalsozialisten und Nationarevolutionäre diametral entgegen. Kritisiert doch einfach den zu kritisierenden Gegenstand und macht da nichts immer an „das ist links“ und „das ist rechts“ fest. Wenn nun einer kein Linker sein will, dann juckt den das „du bist nicht links“ nämlich NULL.

  1. 1 „FC Union! Uns‘re Liebe! Uns‘re Mannschaft! Unser Verein! Union Berlin!“ « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 03. November 2010 um 16:21 Uhr
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