Archiv für Dezember 2010

Wenn Tränen durch Wehmut unterdrückt werden

Merry X-Mas. Oder auch nicht. Mein Atem fühlt sich schwer an. Nicht, weil ich über Wochen hinweg die Symptome einer winterlichen Grippe spüre und den turning point zum gesundheitlichen Fiasko durch die Einnahme der täglich grünen Suppe nur noch hinaus schiebe. Nicht, weil ich seit Monaten in einer Blase lebe, die mir keinen Spielraum für private Leidenschaften lässt. Diesen Zustand habe ich akzeptiert. Es ist der Zustand eines wahren Fans. Eines Fans, der alles für seinen Verein gibt und dabei denke ich das erste Mal in meiner Zeit als Sankt Paulianer, dass dieses „Alles“ auch alles ist. Denn ich stehe sozusagen mit unzähligen anderen an meinem persönlichen Turning Point. Und es ist der Zustand, der sich mit der Beantwortung einer Frage verändern kann. In Wehmut, Trauer und Auflösung oder eben in einen Optimismus, der sich wiederum irgendwann selbst in Frage stellen wird. Ist der FC Sankt Pauli noch das, was er mal war und wenn nein, ist der Zustand noch tragbar?
Von Toleranz zu sprechen, den auf der JHV gepriesenen Dualismus des „anderen“ Vereins und seines kapitalistischen Counterparts glaubwürdig machen zu wollen und dann doch völlig konträr dieser Ideale zu handeln, das ist die Strategie dieser Vereinsführung. Und sie ist eine verlogene!
Susis Showbar, SMS Einblendungen per Leinwand, sexistische Werbegags, die überhaupt nicht komisch sind, horrende Summen für ein Bierchen beim wöchentlichen Stadiongang…alles nur Zugaben und weitere zerstörende Effekte einer Richtung, die längst vorgegeben ist. Von einem Konglomerat an Leuten, für die Wirtschaftlichkeit als höchste Maxime auserkoren wurde und die in ihrem minimalsten Kosmos der Rebellion zu selten „NEIN“ sagen.
Der Protest in Sankt Paulis Fanszene hat längst angefangen. Aber er verblasst, angesichts der immer wieder neuen Schikanen, die die Vereinsoberen ihrem Fußvolk vorwerfen. Dabei wird der Begriff des „Wir“ total aus seinem Zusammenhang gerissen. Die Sankt Pauli Fans gelten als friedlich, tolerant, spaßig. Nur sind diese Attribute sinnentfremdet worden. Man hat ehrliche Besonderheit, das was über Jahre hinweg konsolidiert wurde, völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es wurde ein Prototyp an Fan geschaffen, dessen Wertekatalog zwar „anders“ ist, der zwar „gegen Nazis“ oder gegen Diskriminierung ist, aber in einer Oberflächlichkeit, die sich vor tieferen Gefühlsregungen verschließt. Und die wenigen Hinterbliebenen prägen immer noch das wirklich „alternative“ an diesem Verein. Nur, mit Verlaub, wie lange noch?
Doch das scheint die Führungsetage des FCSP nicht zu interessieren. Meist wird groß bejubelt, wofür man stehe (z.B. Antirassismus) oder was man alles nicht mache (Cateringcard), um dann klammheimlich all das zu machen, wo der große Aufschrei der Empörung bislang ausgeblieben ist (Stripshows usw.). Doch wenn von Toleranz gesprochen wird (Hr. Schulte insbesondere ggü. USP), frage ich, wo bleibt denn die Toleranz dieser ach so toleranten Führung? Wo bleibt die Toleranz, wenn jede unsinnigste Vermarktungsmaßnahme als Freibrief für die „gute“ Entwicklung des Vereins gilt? Was den FC Sankt Pauli tolerant machen würde, wäre genau jetzt auf seine Fanstimme zu hören und der Entwicklung Einhalt zu gebieten.
Doch wie soll das funktionieren? Überall wird diskutiert, niemand übernimmt Verantwortung. Doch die Guillotine ist geschärft. Es ist Zeit an der Zeit, aufzustehen. Personalien müssen infrage gestellt werden in diesem Verein.
Wie lange lässt man einen Hr. Meeske noch bunt seine Vermarktungsspielchen treiben? Wie oft wird ein Sven Brux noch genötigt eine Kommunikation Fans-Vereinsführung in einem Fanforum zu führen? Wie oft wird die Arbeit des Ständigen Fanausschusses torpediert werden bzw. hält man sich nicht an die Leitlinien eines Fankongresses, den man in der Öffentlichkeit stets lobpreist? Wie kann ein Helmut Schulte von einem kritischen Teil der Anhängerschaft öffentlich Toleranz verlangen, ohne dass dieser sich bislang zum Thema positioniert hat?
Wie kann ein Hr. Orth sich bislang vornehmlich aus der Sache raushalten? Wie eng sind die Verbindungen zwischen UFA Sports und dem FC Sankt Pauli? Wer gibt in dieser Kooperation den Ton an? Wie kann Philipp Spaeth, Teamleiter bei UFA, von einem „Lebensgefühl“ Sankt Pauli sprechen, wenn dieses langsam ruiniert wird?

Und was würde passieren, wenn die Fanbasis, die aktive Fanszene diese Entwicklungen nicht mehr mitspielen will?

Die Diskussion zumindest ist eröffnet und der erste Widerstand innerhalb der Fanszene regt sich. Siehe u.a.:

http://blog.uebersteiger.de/2010/12/21/17spieltag-h-fsv-mainz-05/

http://pathos93.wordpress.com/2010/12/20/das-ist-nicht-mehr-mein-pauli/

http://kleinertod.wordpress.com/2010/12/20/auf-17-punkten-eingefroren-nichts-zu-holen-gegen-mainz-am-millerntor/

Insbesondere sei auf diesen Artikel der Sozialromantiker Sankt Pauli hingewiesen:

http://www.sozialromantiker-stpauli.de/wordpress/