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Die Mühle dreht sich weiter

Jüngst wurde der FC Sankt Pauli vom DFB zu einer Strafe von 15.000 Euro verurteilt: für „Raufereien“ beim Schweinskecup und dem Hochhalten eines Transparents mit beleidigendem Inhalt beim Heimspiel gegen Braunschweig. Dabei handelt es sich um ein Choreoelement. Zur Erklärung: Auf der Hintergrundtapete der Choreo war ein zwei Meter großer Charakter zu sehen (die Maße des kompletten Hintergrunds waren übrigens 58 m x 3m), der einen Schal mit der Aufschrift „Bullenschweine“ trug.

Die Reaktion des Vereins? Er stimmt dem Urteil zu. Eine Bankrotterklärung, die heuchlerischer, enttäuschender und gefährlicher nicht sein kann! Entpuppt er damit ein Gesicht, das seit dem Ende der Ära Littman nur Maskerade war? Die postlittmannsche Ära als Zeit der Wechselhaftigkeit?

Im Januar noch wurde in einer Erklärung des FCSP Stellung zu den Ereignissen beim Hallenturnier in Alsterdorf bezogen.
Darin hieß es unter anderem:

Es kam zu Schmährufen wie „Schwule, Schwule“, „Judenkinder“, „Zick Zack Zigeunerpack“ und Ähnliches. […] Auch hier müssen wir der o.g. Polizeimeldung widersprechen: Von Fans des FC St. Pauli wurde zu diesem Zeitpunkt keine Konfrontation mit den Lübecker Fans gesucht.

Und:

Es wird deutlich, dass sich der Gesamtablauf deutlich komplexer darstellt, als er kurz nach den Ereignissen in der Öffentlichkeit zusammengefasst wurde. […] Wir fordern die Öffentlichkeit jedoch auf, die Geschehnisse mit gebotener Sachlichkeit und Differenziertheit zu betrachten und von vorschnellen, verallgemeinernden Schlüssen Abstand zu nehmen.

So wie:

Auch der FC St. Pauli hat eine (glücklicherweise relativ kleine) Zahl an Fans, die körperliche Auseinandersetzungen sucht. Mit dieser Tatsache gehen wir offen um und versuchen, in Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt und den Fangremien dieses Problem so weit wie möglich in den Griff zu bekommen.

Diese Feststellungen, ganz unabhängig von ihrer Wertung, werfen doch einige Fragen auf.

# Wieso nimmt der FC Sankt Pauli eine Strafe an, bei dem ein politischer Kontext der Vorfälle geleugnet wird und als „Rauferei“ umgedeutet dargestellt wird?
# Wieso erstarrt der FC Sankt Pauli angesichts einer drakonischen Strafpraxis, die selbst vom Strafenden erkannt wurde?
# Wieso weicht er von seinem Statement der Komplexität der Ereignisse ab?
# Wieso wehrt er sich nicht und adressiert stattdessen die Falschen mit der Moralkeule?
# Und nicht zuletzt: Wo sind die Gespräche mit Fanprojekt und Fangremien?

Die Widersprüchlichkeit könnte nicht größer sein.
Eine Strafe bzgl. der sich dynamisierenden Ereignisse in der Halle zu akzeptieren, setzt ein Einverständnis voraus. Die DFB-Begründung „Rangelei“ müsste somit anerkannt werden. Diese Anerkennung war aber so nicht der Fall und durch den Aufruf zur Sachlichkeit und Differenziertheit schon a priori ad acta gelegt worden. Es ging vor drei Monaten eben nicht um Rangeleien, es ging um Ereignisse mit politischem Hintergrund. Es geht auch nicht um Fußball, wie in Internetforen dargelegt wurde. Der Ursprung des Hasses auf Sankt Pauli liegt in 90% der Fälle nicht in Rivalitäten oder Ultrageplänkel, es handelt sich fast immer um Leute, die das Weltbild der Fans des FCSP nicht abkönnen, so wenig sie nun auch immer darüber wissen mögen…

FCSP, und was tust du?

Wenn also dieses Nichteinverständnis von vornherein gegeben war, wie kann man dann als Verein die Strafe hinnehmen? Klar könnte man jetzt denken, es ginge um Rationalität, die Abwägung finanzieller Mittel etc. Doch in einem langwierigen Prozess, in dem der Strafende höchstpersönlich schon Modifizierungen an seinem jenseits der legalen rechtlichen Grenzen operierenden Strafsystem vornimmt, sollte man nicht noch durch Bestätigung eben jenes System aufrecht erhalten. Natürlich ist ein Gang durch die Gerichte schwer, doch die Anstrengung lohnt sich. Genau wie bei der Aussperrung von Gästefans, die jüngst von der Polizei erwirkt wurde. Selbst wenn dies nun nicht gemacht wird, sollte man keine falschen Umkehrschlüsse ziehen. Doch genau das ist jetzt eingetreten.

Der FC Sankt Pauli hätte, wenn er die Strafe schon annimmt, zumindest Gesicht wahren können. Schweigen ist gold und so weiter…
Doch was jetzt kam, gleicht einer absoluten Frechheit.
Von „Umdenken“ ist nun die Rede und dieses Umdenken ist nicht an den DFB gerichtet, nicht an die Polizei, die unserem Verein und der gesamten Fußballlandschaft in letzter Zeit wohl mehr Schaden zugefügt haben, als alle Bösewichte, Chaoten und Randalierer im letzten Jahrzehnt zusammen.
Stattdessen richtet der Verein sein Umdenken an die Fans.

Präsident Stefan Orth dazu:

Wir sind es langsam leid. Eine Strafe hier, eine Strafe dort. Das läppert sich zusammen und wird von uns nicht mehr tatenlos hingenommen. Ich erwarte, dass hier ein Umdenken in einigen Bereichen des Stadions und im Umfeld einsetzt. Wenn das nicht ab sofort der Fall ist, werden wir zum Handeln gezwungen. Diese Strafen tun dem Verein verdammt weh und gehen am Ende immer zu Lasten von uns allen. Es ist ein Punkt erreicht, an dem sich alle, die den FC St. Pauli ins Herz geschlossen haben, fragen müssen, ob wir wirklich so weitermachen wollen. Wir alle zusammen haben Leitlinien für den Verein aufgestellt, die nicht nur einseitig gelebt werden und von einigen nach ihrem Ermessen außer Kraft gesetzt werden dürfen.

Genau darum geht es doch. Ihr seid es langsam Leid… Und ihr wart es auch schon Leid, als nach dem Schweinskecup die Schuld bei euch und den Fans gesucht wurde, die ihr dann verteidigt habt. Notwehr oder ehrliche Bekenntnis? Rückgrat, in heutigen Zeiten anscheinend keine Charaktereigenschaft, die man voraussetzen kann.
Im Lichte der heutigen Aussagen sieht euer „Bekenntnis“ vom Januar jedenfalls aus wie ein Dolchstoß. War die „Annäherung“, die auch intern erfolgte, also nur Maskerade? War sie nur Hinhaltetaktik, um neue Schlupflöcher zu finden, die seit Littmann nicht mehr erwartet werden?

Die Gespräche zwischen Fans und Verein blieben jedenfalls aus. Symptomatisch dafür steht auch die Erklärung des Vereins zum Boykott des Rostockspiels von USP. Da wird sichtlich von USP versucht, dem Verein in keiner Form zu Schaden:

„Konsequent wäre es, das Spiel nicht beginnen zu lassen. Hiermit würde allerdings in erster Linie der FC St. Pauli geschädigt, der auf unserer Seite steht, sich toll verhalten hat und schadlos gehalten werden sollte. Der Adressat ist nicht der Verein und dieses Mal noch nicht einmal der Verband. Soll ein Protest nicht affektiert wirken, dann muss er sich an die Schuldigen richten“

Und dennoch muss die Moralkeule wieder ausgepackt werden:

Wir rufen dazu auf, dass die Protestaktion von den Prinzipien der Toleranz geprägt ist, und wir setzen absolute Gewaltfreiheit voraus. Unser Verständnis friedlichen Protest schließt ebenfalls mit ein, dass alle, die das Spiel im Stadion sehen wollen, natürlich auch störungsfrei Zugang erhalten.

Heisst ungefähr so: „Ihr könnt ruhig draußen bleiben, solange ihr nicht nervt.“ Dass kein Mensch der aktiven Fanszene angerufen, zum Gespräch geladen oder sonstiges wurde, wird nicht erwähnt. Im Januar aber noch groß den offenen Umgang mit Fans, Fangremien und Fanprojekt propagieren. Wieso ist einem dann nicht aufgefallen, dass der Boykott von den meisten aktiven Fangruppen mitgetragen wurde?
Schweigen ist gold, und so weiter…

Dass dies nicht das erste Statement ist, bei dem Ursache und Wirkung umgedeutet werden, zeigt auch die völlig aus dem Zusammenhang gerissene Stellungnahme des Vereins zum Kassenrollenwurf-Urteil Auch hier wurde das leidige Thema Pyrotechnik mit in den Topf geworfen. Zudem sind die verwendeten Zahlen (500.000 Euro Strafe?) zu hinterfragen.

FCSP, und was tust du?

Insgesamt reihen sich die jüngsten Ereignisse in eine lange Tradition ein. Das Verhältnis der Sankt Pauli Fans und der Vereinsführung war unter Littmann immens belastet, nahezu tot. Nachdem die Ära Littmann beendet war, folgte eine Periode der Annäherung, die im Januar und im Vorfeld des Rostockspiels blühende Ereignisse mit sich brachte, aber stets der Frage anhaftete, wie ernst es denn um die Lippenbekenntnisse stünde und in welchem Ausmaß sie als strategische Maßnahme betrachtet werden dürften.
Dass nun Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Verantwortlichen aufkommt, dürfte ein hausgemachtes Problem sein. Respekt, Zusammenarbeit etc., sie sind leicht zu äußernde Werte im öffentlichen Raum. Aber wie es hinter verschlossenen Türen aussieht, wie die Alltagspraxis tatsächlich gelebt wird, da sieht es schon wieder ganz anders aus.

Grundsätzlich merkt man, dass anscheinend zwei vollkommen unterschiedliche Welten und Verständnisse aufeinanderprallen. Die gemeinsamen Werte verkommen allerdings angesichts ihrer vollkommen unterschiedlichen Interpretationen zu leeren Signifikanten.

Quo vadis, FC Sankt Pauli?

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Dazu eben gefunden: Ein Artikel auf dem Lichterkarussel, der ähnliche Punkte kritisiert

Wenn Tränen durch Wehmut unterdrückt werden

Merry X-Mas. Oder auch nicht. Mein Atem fühlt sich schwer an. Nicht, weil ich über Wochen hinweg die Symptome einer winterlichen Grippe spüre und den turning point zum gesundheitlichen Fiasko durch die Einnahme der täglich grünen Suppe nur noch hinaus schiebe. Nicht, weil ich seit Monaten in einer Blase lebe, die mir keinen Spielraum für private Leidenschaften lässt. Diesen Zustand habe ich akzeptiert. Es ist der Zustand eines wahren Fans. Eines Fans, der alles für seinen Verein gibt und dabei denke ich das erste Mal in meiner Zeit als Sankt Paulianer, dass dieses „Alles“ auch alles ist. Denn ich stehe sozusagen mit unzähligen anderen an meinem persönlichen Turning Point. Und es ist der Zustand, der sich mit der Beantwortung einer Frage verändern kann. In Wehmut, Trauer und Auflösung oder eben in einen Optimismus, der sich wiederum irgendwann selbst in Frage stellen wird. Ist der FC Sankt Pauli noch das, was er mal war und wenn nein, ist der Zustand noch tragbar?
Von Toleranz zu sprechen, den auf der JHV gepriesenen Dualismus des „anderen“ Vereins und seines kapitalistischen Counterparts glaubwürdig machen zu wollen und dann doch völlig konträr dieser Ideale zu handeln, das ist die Strategie dieser Vereinsführung. Und sie ist eine verlogene!
Susis Showbar, SMS Einblendungen per Leinwand, sexistische Werbegags, die überhaupt nicht komisch sind, horrende Summen für ein Bierchen beim wöchentlichen Stadiongang…alles nur Zugaben und weitere zerstörende Effekte einer Richtung, die längst vorgegeben ist. Von einem Konglomerat an Leuten, für die Wirtschaftlichkeit als höchste Maxime auserkoren wurde und die in ihrem minimalsten Kosmos der Rebellion zu selten „NEIN“ sagen.
Der Protest in Sankt Paulis Fanszene hat längst angefangen. Aber er verblasst, angesichts der immer wieder neuen Schikanen, die die Vereinsoberen ihrem Fußvolk vorwerfen. Dabei wird der Begriff des „Wir“ total aus seinem Zusammenhang gerissen. Die Sankt Pauli Fans gelten als friedlich, tolerant, spaßig. Nur sind diese Attribute sinnentfremdet worden. Man hat ehrliche Besonderheit, das was über Jahre hinweg konsolidiert wurde, völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es wurde ein Prototyp an Fan geschaffen, dessen Wertekatalog zwar „anders“ ist, der zwar „gegen Nazis“ oder gegen Diskriminierung ist, aber in einer Oberflächlichkeit, die sich vor tieferen Gefühlsregungen verschließt. Und die wenigen Hinterbliebenen prägen immer noch das wirklich „alternative“ an diesem Verein. Nur, mit Verlaub, wie lange noch?
Doch das scheint die Führungsetage des FCSP nicht zu interessieren. Meist wird groß bejubelt, wofür man stehe (z.B. Antirassismus) oder was man alles nicht mache (Cateringcard), um dann klammheimlich all das zu machen, wo der große Aufschrei der Empörung bislang ausgeblieben ist (Stripshows usw.). Doch wenn von Toleranz gesprochen wird (Hr. Schulte insbesondere ggü. USP), frage ich, wo bleibt denn die Toleranz dieser ach so toleranten Führung? Wo bleibt die Toleranz, wenn jede unsinnigste Vermarktungsmaßnahme als Freibrief für die „gute“ Entwicklung des Vereins gilt? Was den FC Sankt Pauli tolerant machen würde, wäre genau jetzt auf seine Fanstimme zu hören und der Entwicklung Einhalt zu gebieten.
Doch wie soll das funktionieren? Überall wird diskutiert, niemand übernimmt Verantwortung. Doch die Guillotine ist geschärft. Es ist Zeit an der Zeit, aufzustehen. Personalien müssen infrage gestellt werden in diesem Verein.
Wie lange lässt man einen Hr. Meeske noch bunt seine Vermarktungsspielchen treiben? Wie oft wird ein Sven Brux noch genötigt eine Kommunikation Fans-Vereinsführung in einem Fanforum zu führen? Wie oft wird die Arbeit des Ständigen Fanausschusses torpediert werden bzw. hält man sich nicht an die Leitlinien eines Fankongresses, den man in der Öffentlichkeit stets lobpreist? Wie kann ein Helmut Schulte von einem kritischen Teil der Anhängerschaft öffentlich Toleranz verlangen, ohne dass dieser sich bislang zum Thema positioniert hat?
Wie kann ein Hr. Orth sich bislang vornehmlich aus der Sache raushalten? Wie eng sind die Verbindungen zwischen UFA Sports und dem FC Sankt Pauli? Wer gibt in dieser Kooperation den Ton an? Wie kann Philipp Spaeth, Teamleiter bei UFA, von einem „Lebensgefühl“ Sankt Pauli sprechen, wenn dieses langsam ruiniert wird?

Und was würde passieren, wenn die Fanbasis, die aktive Fanszene diese Entwicklungen nicht mehr mitspielen will?

Die Diskussion zumindest ist eröffnet und der erste Widerstand innerhalb der Fanszene regt sich. Siehe u.a.:

http://blog.uebersteiger.de/2010/12/21/17spieltag-h-fsv-mainz-05/

http://pathos93.wordpress.com/2010/12/20/das-ist-nicht-mehr-mein-pauli/

http://kleinertod.wordpress.com/2010/12/20/auf-17-punkten-eingefroren-nichts-zu-holen-gegen-mainz-am-millerntor/

Insbesondere sei auf diesen Artikel der Sozialromantiker Sankt Pauli hingewiesen:

http://www.sozialromantiker-stpauli.de/wordpress/